Märchen und Sagen aus alten Tagen

Der Kratzgeist in der Obergasse

In einem Hause der Saarbrücker Obergasse bei dem sogenannten Herrgottsbrunnen, neben den drei Säulen (Nr. 28 des alten Planes bei Koellner), lebte 1810/1811 eine Familie, zu deren Mitgliedern ein Mädchen von beiläufig 10 Jahren gehörte, in dessen Nähe sich in gedachter Zeit ein seltsames Geräusch oder vielmehr ein Gekratze hören ließ und zwar nur des Abends. Wenn ich nicht irre, war es in der sogenannten Adventszeit, welche in Bezug auf Geistererscheinungen bedeutungsvoll sein soll. Dieses Gekratze wurde von den Anwesenden vernommen, mochte das Kind stehen, sitzen oder im Bette liegen, so kratzte es auf dem Boden, am Stuhle oder im Bett. Es ist begreiflich, daß, sobald die Sache ruchbar geworden war, die halbe Stadt zulief, um sich davon zu überzeugen. Man stellte alle möglichen Versuche an, um das Gespenst - denn die Töne konnten nur von einem solchen herrühren - zu vertreiben. Das Mädchen wurde sogar mittels Stuhl auf den heißen Ofen gesetzt - allein das Gekratze ließ sich auch im Ofen vernehmen und man vermochte weder den Geist zu bannen, noch die Ursache des Geräusches zu entdecken. Daß das Ganze nicht ein leeres Stadtgespräch sei, davon überzeugten sich bald Männer von Bildung und Urteilsfähigkeit. Es kamen Weltliche und Geistliche, welche recht wohl Betrug von Wahrheit zu unterscheiden vermochten, und Hunderte überzeugten sich durch ihr eigenes Gehör von der Wirklichkeit dessen, was ihnen von Anderen bereits beteuert worden, sie aber ohne eigene Erfahrung nicht glauben wollten. Das Faktum wurde also allgemein anerkannt, aber ergründet wurde nichts - und endlich verlor sich die Sache, wie sie gekommen war, ohne daß man der Ursache dieses Gekratzes auf die Spur gekommen ist.