Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die vergessene Schlüsselblume

Vor langer Zeiten stand auf dem großen Stiefel ein prächtiges Schloß, und nach seiner Zerstörung sah man noch die Ruinen davon aus dem Boden ragen. Insbesondere schauten die Umwohner oft nach dem Türlein, das in ein Gewölbe führte und stets verschlossen war. Gar viel wurde von ihm erzählt, dass es einen Raum hinter sich berge, der ganz mit Reichtum und Pracht angefüllt sei.

Da war einmal ein armer Schäfer, der fand einst am Abhange des Berges eine Schlüsselblume von lauterem Golde. Gleich dachte er an das Türlein, brach die Blume und eilte zur alten Pforte. Er öffnete sie und trat ein. Wie staunte er, als er in einem großen hellerleuchteten Saale stand, in dem unermessliche Reichtümer angehäuft waren. Den biederen Schäfer packte die Habsucht, und er stopfte sich die Taschen voll. Bei seiner Rückkehr aber vergaß er den Schlüssel und merkte das erst, als er im Freien war. Rasch will er zurück; da braust es wie ein Sturmwind aus dem Berge, donnernd schließt sich die Pforte und schlägt noch dem Schäfer den Absatz des Schuhes weg. Dennoch eilt der schwer Beladene freudig heim zu den Seinen. Als er aber nachschaut, hat er nur Steine in den Taschen.