Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die Sage vom Ritter Heim

In jenen alten Zeiten, als noch die Bewohner unserer Gegenden umher Heiden waren, sollen auf sieben der höchsten Berge des Landes, von Ensheim, auf dem Roten oder Schafskopfe, dem ersteren gegenüber, auf der Gemarkung von St. Ingbert, auf dem Berge, worauf das fürstliche, nassauische Jagdschloß Neuhaus lag, auf dem Hölsberge bei Biesingen, auf dem Höcherbere bei Neunkirchen und noch auf zwei anderen nicht mehr bekannten Punkten sieben christliche Ritter gewohnt und unter sich, gegen die feindlichen Angriffe und Überfälle der Heiden, ein Bündnis zu Schutz und Trutz gemacht haben. Auf den hohen Warten ihrer Burgen sollen sie lange Stangen aufgestellt, an dieselben große Pechkränze befestigt und dieselben zur Zeit der Not angezündet haben, um die Verbündeten so zur Hilfe herbeizurufen.

Die nennt als damaligen Herrn des Stiefeler Schlosses den Ritter Heim. Dieser Ritter soll sehr reich und namentlich Eigentümer aller Ortschaften der ganzen Umgebung gewesen sein, deren Namen nach seinem Namen sich auf „heim“ endigen, wie Ensheim, Bischmisheim, Ommersheim, Ormesheim, Bebelsheim und andere mehr. Einer seiner Verbündeten habe Weiler geheißen und sei Herr aller Ortschaften gewesen, deren Namen auf „weiler“ ausgehen. Ritter Heim, heißt es weiter, habe eine Tochter gehabt, welche aus innerem Antriebe sich mit Erlaubnis ihrer Eltern in das damals schon bestehende Kloster oder Stift St. Arnual habe aufnehmen lassen, aber nicht lange danach gestorben sei und auch in der Stiftskirche begraben liege.

Nach dem Absterben seiner Tochter sei auch der Ritter bald gestorben und habe seine Frau allein auf dem hohen Stiefel zurückgelassen. Nicht lange soll sie aber daselbst nach ihres Gemahles und Kindes Tod mehr geweilt, sondern alsbald ihre Leute abgeschafft haben und nach Saarbrücken zum Grafen Weilburg gezogen sein, um bei diesem den Rest ihrer Tage zu verleben; doch habe sie auch hier die ersehne Ruhe nicht gefunden und sei nach Verlauf eines Jahres ebenfalls in das Kloster St. Arnual getreten.

Als aber auch sie nach mehreren Jahren sich ihrem Ende nahe gefühlt, habe sie den Bischof von Bischofs- oder Bischmisheim zu sich an ihr Sterbelager bescheiden lassen, um demselben ihren letzten Willen zu verkünden. Dieser sei alsbald angekomen, habe das Testament der Gräfin eigenhändig niedergeschrieben und bei sich verwahrt, worauf letztere endlich ebenfalls gestorben und neben ihrer Tochter begraben worden sei.

Diesem Testamente habe das Stift St. Arnual seine ursprünglichen großen Reichtümer zu verdanken. Der Graf Weilburg habe den Großen und Kleinen Stiefel auf der Gemarkung der Gemeinde Ensheim, diese Gemeinde aber alle auf ihre Gemarkung liegenden Waldungen, mit Ausnahme der beiden erstgenannten Distrikte, und die Gemeinde Bischofsheim, den Grumbacher Hang, den Hochwald und noch mehrere andere auf ihrem Banne liegende Waldungen und außerdem noch schöne Weidgerechtigkeiten in einem großen Teile der Ensheimer Waldungen erhalten. Wirklich übte auch die Gemeinde Bischmisheim solche Gerechtigkeiten auf dem Banne Ensheim bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunders aus. Von diesem Testament erzählt die Sage ferner: Als in spätern Zeiten die Reformation Eingang gefunden, habe der Bischof von Bischofsheim flüchten und in der Eile alle seine Papiere zurücklassen müssen, weil man ihm nach dem Leben getrachtet habe. Nicht lange nachher habe sich eine Gelegenheit ergeben, wo die besagte Gemeinde von diesem Testamente Gebrauch habe machen müssen.

Der damalige Graf von Saarbrücken, welcher nicht habe begreifen können, wie es gekommen, dass eine Bauerngemeinde so schöne Waidungen besitze, habe die Gemeinde Bischmisheim in ihren Rechten angefochten, dieselben auf jede nur erdenkliche Weise geschmälert und unter allerlei nichtigen Vorwänden derselben ein Stück Wald um das andere entrissen. Dagegen habe Bischmisheim protestiert und es endlich vor dem Reichskammergericht zu Speyer zum Prozeß kommen lassen, der aber durch die Sachwalter des Grafen immer in die Länge gezogen worden, bis endlich die Stadt Speyer gegen Ende des 17. Jahrhunderts abgebrannt sei, wobei mit dem größten Teile es reichskammergerichtlichen Archivs auch das von der Gemeinde Bischmisheim produzierte Testament nebst anderen Beweisstücken vernichtet worden sie. Die Gemeinde habe hierauf zu Wetzlar den Prozeß verloren.

Als der Abt des Klosters Wadgassen, unter welchem die Probstei Ensheim stand, dieses gesehen, habe er das nämliche Spiel mit der Gemeinde Ensheim getrieben und derselben zu Wetzlar einen Prozeß an den Hals geworfen, den dieselbe in den wesentlichen Punkten wegen Mangels an schriftlichen Beweisen gleichfalls verloren habe. So sie dieser Gemeinde nach der Hand der kleine Stiefel, den sie sich erworben hatte, vom Kloster wieder entrissen und an den Fürsten zu Saarbrücken verhandelt worden, und ebenso auch die anderen durch das Testament erhaltenen Waldungen.
In Wirklichkeit war denn auch die Gemeinde Ensheim mit dem Staate noch vor einigen Jahren (c. 1840) in einem Rechtstreit befangen, welcher schon vor länger als hundert Jahren angefangen, aber zu keinem Ende geführt worden war. Als jedoch in neuerer Zeit der Gegenstand des Prozesses geteilt wurde, gewann die Gemeinde Ensheim den Prozeß gegen den Staat und damit eine Grundfläche von fast tausend Nürnberger Morgen Landes.