Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die Sage vom Raubritter Reppert

Nach dem Austerben des Geschlechtes des Gründers der Burg auf dem hohen Stiefel stand dieselbe eine geraume Zeit öde und verlassen, so erzählt die Sage, und war endlich dem Verfall nahe. Da ließ sich plötzlich ein fremder Ritter mit seinen Mannen in derselben nieder, nachdem er die lange verlassene Räume wieder in einen wohnlichen Zustand versetzt hatte. Er war unter dem Namen Reppert bei dem Volke bekannt, welches ihn auch den Schnapphan nannte, da er die ganze Gegend umher durch seine Räubereien unsicher machte.

Ein enges finstres Tälchen, gebildet durch Ausläufer des Stiefelberges, oberhalb dem Dorfe Rentrisch, im krämerschen Walde, dicht an der Kaiserstraße, hat beim Volke den Namen „Schnapphahns Dell“ erhalten, da Reppert dort gewöhnlich auf die vorüberziehenden Reisenden lauerte, um sie zu berauben.
Das Dorf Rentrisch bestand damals noch nicht, und in der Nähe standen eine von den Untergebenen des Ritters bewohnte Waffenschmiede und die songenannte Brudermühle am Bach, der das damals einsame Tal bewässerte. Die Stelle aber, wo heute das Dorf Rentrisch steht, war von den Reisenden weit und breit gefürchtet. Mit Zittern und Zagen sahen dieselben schon auf der Ferne nach der Warte des Stiefeler Schlosses, die über die mächtigen Eichen und Buchen hinausragte, und suchten gewöhnlich, den Hungertod in dem Raubneste Repperts oder Beraubung durch denselben fürchtend, in eiligster Flucht an Schnapphahns-Dell oder über das „Rennertriesch“ hinwegzurennen, weshalb auch diese Stelle und das daraufstehende Dorf heute noch „Rentrisch“ genannt wird.

Lange Zeit machte Reppert durch sein Unwesen die Gegend unsicher, und der Volksmund erzählt an langen Winterabenden oft schauerliche Geschichten aus dem Leben dieses Raubritters, u. a. auch folgende:
Einst war er in einem anderen Tälchen, weiter abwärts, auf der Lauer, als eine Jungfrau des Weges daherwandelte, welche Tauben nach Saarbrücken in die Schlossküche tragen wollte. Sie soll aus dem Dorfe Scheidt und sehr schön gewesen sein. Der erste Blick auf sie erweckte in dem Herzen des Ritters eine wilde Leidenschaft und die Begierde, die Jungfrau um jeden Preis zu besitzen. Dem Gedanken folgte die Ausführung auf der Stelle. Wie ein hungriger Geier auf seinen Raub, so stürzte sich Reppert auf die nichtsahnende Jungfrau und entführt die vor Schreck in Ohnmacht gesunkene auf seinem schnellen Rappen auf sein Schloß, wo die Unglückliche zu einem traurigen Leben wieder erwachte. Sieben Jahre hatte er die Jungfrau gefangen gehalten und während dieser Zeit drei Kinder mit ihr gezeugt, die er aber jedes Mal vier Wochen nach ihrer Geburt erwürgte, weil es Mädlein und nicht Knaben waren. Die Leichen der armen kleinen hängte er in dem Burghof an einer Stange und ergötzte sich, wenn dieselben mit der Zeit durch Wetter und Wind zu Skeletten geworden waren, bei übler Laune durch Spiel mit dem Geknöchel. Plötzlich warf ihn eine böse Krankheit auf das Siechbett. Je länger er aber auf demselben verweilen musste, desto übellaunischer wurde er. Überall fürchtete er Gift und Verrat. Seinen Leuten gab er die strengsten Befehle niemanden weder ein- noch auszulassen. Bei Nacht verwahrte er den Burgschlüssel unter seinem Haupte. Von Arzneien wollte er aus Furcht dieselben vergiftet zu werden, nichts wissen.

Mehrmals hat die Gefangene, ihr doch die Erlaubnis erteilen zu wollen, nach Saarbrücken zu einem Heilkünstler gehen zu dürfen, um von demselben unter ihren Augen ein Heilmittel für ihn zubereiten zu lassen. Reppert gab dies jedoch lange nicht zu, weil er fürchtete, sie werde ihn an seine Feinde verraten und nicht wieder zu ihm zurückkehren. Als indes aber die Schmerzen der Krankheit je länger je ärger wurden, blieb im endlich keine andere Wahl. Ehe er ihr jedoch die Erlaubnis, zu gehen erteile, ließ er seine Gefangene bei allem, was ihr heilig war, schwören, ihn nicht zu verraten, sondern mit dem Heiltranke zu ihm zurückkommen zu wollen. Sie schwur und ging und hätte frei hingehen können, wohin sie wollte, und wenn Sie nicht geglaubt hätte, ihren Schwur halten zu müssen.

Sie vertraute sich jedoch dem Pfarrer zu St. Johann, den sie seit ihrer Kindheit kannte und klagte diesem ihren Kummer und ihr Elend. Dieser sprach ihr Mut ein, tröstete sie und versprach ihr zu helfen. Er ließ sie in seiner Wohnung warten, worauf sie das weitere vernehmen werde. Indessen eilte der Pfarrer nach Saarbrücken und zeigte daselbst alles dem Grafen an. Schnell wurde nun Beratung gepflogen, wie diese Gelegenheit am besten zu benutzen sei, um Reppert ohne viel Blutvergießen zu fangen. Nachdem man über das beste Mittel einig geworden war, ließ man drei Flaschen des wirksamsten Schlaftrunkes, der zugleich schmerzlindernd war, in dortiger Hofapotheke anfertigen.
Der Pfarrer, in seine Wohnung zurückgekehrt, händigte dem Frauenzimmer die Flaschen mit dem Auftrage ein, diesen Trank ihrem Ritter zu reichen und dessen Wirkung zu beobachten. Sobald er schlafe, solle sie den unten am Berge harrenden Kriegsknechten ein Zeichen geben und sodann das Weitere erwarten. Zeige Reppert jedoch Misstrauen gegen den Trunk, so solle sie kühn einen Becker voll davon trinken; solches werde ihr nichts schaden. Wie der Geistliche vorausgesetzt hatte, so kam es auch wirklich. Reppert trank nicht eher, als bis die Gefangene zuvor einen Becher davon ausgeleert hatte. Da er zwei Flaschen schnell nacheinander gierig verschlang, erfolgte auch die Wirkung des Trankes schnell darauf. Er schlief alsbald so fest ein, dass der lauteste Trompetenschall ihn nicht erweckt haben würde. Auf das verabredete Zeichen, welches gleich darauf gegeben wurde, drangen die harrenden Kriegsknechte auf das Schloß ein, überrumpelten die seit der Krankheit ihres Gebieters ohnehin schon mutlosen Knechte des Ritters ohne Mühe und knebelten diesen selbst im Schlafe, warfen ihn noch schlafend in einen Karren und führten ihn nach Saarbrücken.

Als er aber so in die frische Luft gebracht worden war, erwachte er plötzlich und sah, dass er jetzt ein verlorener Mann sei. Im Triumphe führte man ihn in die Stadt, wo ihm bald sein Urteil, „vom Leben zum Tode“ gesprochen und er demgemäß bald nachher enthauptet wurde. Was aus dem Frauenzimmer geworden sei davon meldet die Sage ebenso wenig etwas wie davon, wohin die im Verborgenen aufgehäuften Schätze Repperts gekommen. Die Burg ward zerstört und liegt seitdem in Trümmern.