Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die gelben Schlüsselblumen

Am Südabhang des Großen Stiefels, unterhalb der spärlichen Schlosstrümmer, wächst sehr zahlreich die Waldschlüsselblume. Früher als an anderen Orten öffnen sich dort ihre gelben Blüten. Vor langen, langen Jahren, an einem Vorfrühlingstage, als noch der Schnee ringsum in den Rinnen und Schluchten der Berge las, erging sich hier eine Jungfrau. Kummer und Leid bedrückten ihre Seele, denn ihr Bräutigam, ein flotter Jägersmann, hatte sie verlassen, weil es ihr an irdischem Gute fehlte und dafür eine reiche Bauerntochter gefreit.

Die Arme besaß nicht Vater und Mutter, nicht Bruder und Schwester, denen sie ihre Not klagen und bei denen sie Trost finden konnte. In der stillen Einsamkeit des Waldes weinte sie sich aus. Da fiel ihr Blick auf die gelben Schlüsselblumen. Sie pflückte eine Blüte und wollte gehen. Doch der Blumenflor ließ sich nicht los; sie nahm immer weiter und weiter davon, und immer mehr vergaß sie Kummer und Leid. Es war schon Abend, als sie mit einem mächtigen Strauße in ihrem Hüttlein ankam. Müde begab sie sich zur Ruhe, indem ihre Seele Gott und seinen heiligen Engeln befahl.
Am anderen Morgen war ihr erstes, nach den Blumen zu sehen. Doch was sollte sie erblicken? Alle die gelben Blütensterne hatten sich in der Nacht in pures blinkendes Gold verwandelt. Das Wunder sprach sich bald herum, so geheim sie es auch hielt; doch jedermann gönnte der Braven ihr Glück.
Sie zog später nach einer nahen Stadt, wo sie die Frau eines angesehenen Bürgers wurde und mit ihrem Reichtum viel Gutes stiftete. Der ungetreue Jäger aber hatte bald das erlangte Vermögen verprasst und seinen bösen Tod im Walde.
Jedes Jahr pflücken seitdem junge und alte Menschenkinder von des schönen Schlüsselblumen am „Stiefel“, allein das Wunder, das dazumal geschah, hat sich nicht wiederholt.