Märchen und Sagen aus alten Tagen

Der Schlossgarten auf dem großen Stiefel

Die Burg auf dem Großen Stiefel war längst schon zerfallen, und wildes Gestrüpp wucherte in dem ehemaligen Schlossgarten. Da kam ein Mädchen auf einer nahes Ortschaft an die Halden des Berges, um würzige Waldbeeren für die Mutter zu suchen, die krank und siech daheim in der ärmlichen Hütte lag.
Trotz aller Mühe konnte das Kind, da immer weiter den Berg emporstieg, nichts finden. Als die Höhe erreichte, sah es mit Staunen in der Nähe des Schlosses statt niedrigen Gesträuches einen herrlichen Garten mit Blumen und Früchten. Seine Verwunderung wuchs noch mehr, als sich eine stattliche Frauengestalt in prächtigem Gewande näherte.

Die Erscheinung winkte der Kleinen, die zögernd und furchtsam in den Garten folgte. Dort wurde ihr bedeutet, das Körbchen mit den schönsten und würzigsten Beeren zu füllen. Rasch pflückten die kleinen Hände, und bald hatte das Mädchen genug. Dann aber brach die Dame die schönsten Rosen ab und gab sie dem Kinde in die Schürze, bis diese nichts mehr fassen konnte. Hierauf gebot sie dem Mädchen, alles der Mutter zu bringen.
Die Beschenkte stammelte ihren Dank und traf eilend den Heimweg an. Erfreut empfing die Mutter ihren Liebling; sie hatte sich schon sehr um ihn gesorgt und gefürchtet, es möchte ihm im wilden Forst ein Leid begegnet sein. Wie erstaunte sie aber, als das Kind seine Gaben vor ihr ausbreitete und sein Erlebnis erzählte.
Die Mutter aß von den saftigen Beeren und fühlte sich sofort erfrischt und von neuem Leben beseelt. Mit den Rosten schmückten beide die ärmliche Stube. Als sie aber am Morgen erwachten, die Mutter vollkommen gesund, da hatten sich in der Nacht die Rosen in eitel Gold verwandelt. Die Beglückten eilten auf den Berg, um der gütigen Spenderin zu danken. Der schöne Garten jedoch mit seinen Beeren- und Blumenbeeten war verschwunden, und an seiner Stelle wucherten wieder wilde Hecken.
Glück und Segen zogen mit den Gaben der gütigen Fee in das Häuschen er Armen ein. Das Mädchen erblühte zur lieblichen Jungfrau, deren Schönheit weithin bekannt wurde. Ein Ritter der Umgegend führte sie als Burgfrau auf sein Schloß; aber nie erfüllte Hochmut ihre Seele.