Märchen und Sagen aus alten Tagen

Der Raubritter Wynant

Vor langer Zeit lebte in seiner Burg auf dem großen Stiefel ein gefürchteter Raubritter im Namen Wynant. Er plünderte mit seinen Knechten ganze Warenzüge aus. Die geraubten Schätze verbarg er in den tiefen Höhlen des Berges, wo sie zum großen Teil noch heute ruhen. Die gefangenen Kaufleute aber hielt er so lange im Burgverlies fest, bis Angehörige und Freunde derselben ein schweres Lösegeld erstatteten. Und wurde dies nicht bezahlt, dann ließ der grausame Wynant seine Opfer aufhängen oder gab ihnen sonst auf schreckliche Weise den Tod. „Rennt rasch!“ hieß es drum bei den Kaufleuten, wenn sie an der Stelle vorbeizogen, wo ihnen der gefährliche Schnapphahn auflauerte. Davon trägt der Ort, der sich später in der Nähe erhob, den Namen Rentrisch.
Viele Jahre trieb der arge Räuber sein Wesen zum Schrecken der ganzen Gegend. Immer wieder gelang es ihm, sich seinen Verfolgern zu entziehen, ließ er doch seinen Pferden die Eisen verkehrt aufnageln, ehe er zum Raube auszog.

Endlich traf auch ihn die Strafe. Er hatte einst ein vornehmes Fräulein aus der Stadt Saarbrücken geraubt und auf seine Burg geschleppt, wo sie für immer bleiben sollte. Da geschah es, dass der Ritter auf den Tod krank wurde, und gar nichts wollte mehr helfen. Nur ungern erlaubte er der Entführten, dass Sie nach dem Walde gehe, um Kräuter zu sammeln und daraus eine Arznei zu breiten. Das Fräulein aber eilte raschen Schrittes nach seiner Vaterstadt und erzählte alles; von der Krankheit des Wynantsteiners, von der Stärke der Besatzung, von den schwächsten Punkten der Burg.

Schnell versammelten sie die erbitterten Bürger der Stadt, verständigten sich mit denen von St. Ingbert und zogen mit diesen und den Bauern aus den umliegenden Ortschaften nach dem Raubneste. Gar bald kamen sie oben an, nicht bemerkt von dem Räuber und seinen Spießgesellen. Die furchtlose Saarbrückerin ging zum Burgtore und wurde eingelassen. Dann ging sie in den Turm zur Wohnung des Ritters und gab dem kranken einen starken Schlaftrank, den sie aus gesammelten Kräutern bereitet hatte. Da schlief der böse Wynant ein.

Nun gings aber unten mit Sturm gegen die Burg. Die Rächer drangen ein, machten die Besatzung nieder und fesselten den wehrlosen Ritter. Sie erbeuteten reiche Schätze an Geld, Gepäck und Waren. Darauf setzten sie die Burg in Brand, dass sie in einem Trümmerhaufen versank. Der Ritter aber wurde nach Saarbrücken gebracht und daselbst enthauptet.