Märchen und Sagen aus alten Tagen

Der Bauer und der Schatz

Das ehemalige Schloß auf dem Großen Stiefel war einst die Behausung gefürchteter Ritter, die vom Stegreife lebten. Als sie ihr Wesen aber gar zu arg trieben, wurden sie ausgehoben und als Räuber gehenkt; ihre Burg fiel der Zerstörung anheim. Ihre Schätze jedoch konnten nicht gefunden werden und ruhen noch heute; von bösen Geistern bewacht, im Innern des Berges.
Vor vielen, vielen Jahren suchte ein reicher Bauer, dessen Sinn nach Geld und Gut stand, den Schatz zu heben. In dunkler Nacht grub er ganz allein auf der Höhe des Berges und stieß nach Arbeit auf eine eiserne Kiste. Er legte sie völlig bloß; da sprang auch schon der Deckel auf, und blankes, glitzerndes Gold lachte ihm entgegen. In seiner Freude stieß der Bauer einen lauten Jubelschrei aus. Damit aber versank unter fürchterlichem Getöse der Schatz, und von unsichtbarer Hand bekam der Schatzgräber eine so gewaltige Ohrfeige, dass er betäubt zu Boden stürzte.
In der Kühle des Morgens kam er wieder zu Bewusstsein. Als er über das Geschehene nachdachte, gewahrte er, dass jede Spur seiner nächtlichen Arbeit verschwunden war. An der Stelle der von ihm ausgeworfenen Grube sah sein Auge gewöhnlichen Waldesboden mit Laub und Moos bedeckt. Seine Werkzeuge, an denen kein Stäubchen Erde haftete, lehnten in der Nähe an einem Baume.
Als er noch sann und sann, hörte er über sich lauten Flügelschlag, und von einem Baume herab erklang ein so teuflisches Hohnlachen, dass es ihm durch Mark und Bein ging. Schreckerfüllt eilte er in wilder Flucht den Berg hinab; seine Werkzeuge flogen ihm nach und fanden sich einige Tage später am Fuße des Berges. Der Bauer selbst aber verfiel in ein hitziges Fieber und schwebte wochenlang zwischen Tod und Leben. Wieder genesen, war er ein ganz anderer als früher und ließ sich genügen an dem, was her hatte.