Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die weiße Frau vom Oberthal

Ein junger Mann vom Oberthal ging nach Bliesen freien. Wenn er von Bliesen des Nachts nach Hause ging, wartete vor dem Dorfe eine weiße Frau auf ihn und begleitete ihn bis zu dem steinernen Brückchen vor Oberthal. Hier verschwand Sie. Der Mann, der ein herzhafter Bursche war, wurde aber doch einmal so von der Angst gepackt, dass er anfing zu laufen und schweißgebadet an dem Brückchen ankam.

Für den anderen Abend bestellte er zu bestimmter Stunde seinen Freund an den Ausgang von Bliesen. Als er aus dem Dorfe herauskam, sagte er zu ihm: „Da steht Sie ja schon neben dir.“ Der andere konnte aber nichts sehen. Auf dem Heimweg ging die weiße Frau vor ihnen her. Aber auch unterwegs konnte der Freund nichts wahrnehmen. Er überredete ihn, am andern Tage die Geschichte dem Pastor zu erzählen. Dieser hörte sich die Sache an und ging hinaus. Nach einer Weile kam er wieder und gab dem jungen Mann ein zusammengeknüpftes Tuch. Das sollte er der Frau geben, wenn Sie ihm wieder erscheine. Er sollte sich aber hüten, das Tuch zu öffnen.

Als ihm nun am Abend die Frau wieder erschien, hatte er erst nicht den Mut, ihr das Tuch zu geben. Erst als Sie am Brückchen angekommen waren, überreichte er es ihr. Als Sie das Tuch berührte, ging es in Flammen auf und Sie sprach, Sei sei seine verstorbene Verwandte; sie habe eine Wallfahrt nach Marpingen versprochen und nicht ausgeführt und Sie bitte ihn, für Sie die Wallfahrt zu machen. Darauf verschwand Sie. Nach wenigen Tagen machte die ganze Gemeinde Oberthal die Wallfahrt nach Marpingen und der Spuk wurde von da ab nicht mehr gesehen.