Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die sieben Kindelein

von Friedrich Adolf Krummacher

Am frühen Morgen, als die Dämmerung anbrach, erhob sich ein frommer Hausvater mit seinem Weibe von dem nächtlichen Lager, und sie dankten Gott für den neuen Tag und die Stärkung des Schlummers. Das Morgenrot aber strahlte in das Kämmerlein und sieben Kindelein lagen in ihren Betten und schliefen. Da sahen sie die Kindelein an nach der Reihe, und die Mutter sprach: "Es sind ihrer sieben an der Zahl. Ach es wird uns hart fallen, sie zu ernähren!" Also seufzte die Mutter; denn es war eine Teuerung im Lande. Der Vater aber lächelte und sprach: "Siehe, liegen sie nicht und schlummern alle sieben und haben rote Wangen allzumal, und es fließt auch von neuem das Morgenrot über sie her, daß sie noch schöner erscheinen und wie sieben blühende Röselein? - Mutter, das zeuget uns ja, daß er, der das Morgenrot schafft uns den Schlaf sendet, getreu ist und ohne Wandel."

Und als sie nun aus dem Kämmerlein traten, da standen an der Tür vierzehn Schuhe in einer Reihe, immer kleiner und kleiner, je zwei für ein jegliches Kindlein. Da sah die Mutter sie an, daß ihrer so viele waren, und sie weinte. Der Vater aber antwortete und sprach: "Mutter, was weinst du? Haben sie doch alle sieben die runden munteren Füßlein empfangen; wie sollen wir denn um die Hüllen uns ängsten! Haben doch die Kindlein Vertrauen zu uns; wie sollen wir es denn nicht zu dem haben, der mehr vermag, als wir bitten und verstehen! Siehe seine Sonne kommt. Wohlan, laß uns auch unsern Tageslauf wie sie mit fröhlichem Antlitz beginnen!"

Also redeten sie und wirkten, und Gott segnete ihre Arbeit, daß sie genug hatten samt den Kindern; denn der Glaube erhebt den Mut, und die Liebe gewährt Stärke.