Märchen und Sagen aus alten Tagen

Die Königin der Blumen

von Emmy Giehrl

Bim, bam, bim, bam! So hatte Maiglöckchen den Früling eingeläutet, und alle Blumen kamen herbei. Vielen waren die Bäcklein noch rot vom langen Winterschlafe, viele trugen Tautropfen als Diamanten im Haar. In blauseidenem Röckchen stand das gute Veilchen da und sah bescheiden zu Boden. Maßliebchen trug ein goldgelbes Sternlein im weißen Mieder, und das Vergißmeinnicht guckte gar so unschuldig aus den blauen Kinderaugen.

Alle Blumen kamen, und alle waren lieb und reizend. Zuletzt kam die Rose. Von zartgrünem Laub umschlossen, stand sie stolz und zierlich unter ihren Frühlingsschwestern. Ein Sonnenstrahl kam und küsste sie. Die Knospe öffnete sich, ein süßer Duft entströmte ihr; tief erglühend senkte sich das schöne Haupt, und die Rose stand entfaltet und vollendet da. Da sahen die Blumen, wie schön sie war, und riefen wie aus einem Munde: "Rose, du sollst unsere Königin sein! Du bist die Schönste und Herrlichste von uns allen!" Und so ward die Rose die Königin der Blumen und ist es geblieben bis auf den heutigen Tag.